Menschen ohne ADHS besitzen eine Art automatischen Aufmerksamkeitsfilter. Das Gehirn entscheidet – größtenteils unbewusst – welche Reize wichtig sind und welche ignoriert werden können. Hintergrundlärm wird als irrelevant eingestuft und ausgeblendet. Was bleibt, ist die Stimme des Gesprächspartners.
Bei Menschen mit ADHS funktioniert dieser Filter anders.
Der präfrontale Kortex – jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und die Unterdrückung irrelevanter Reize zuständig ist – zeigt bei ADHS strukturelle und funktionelle Besonderheiten. Bildgebende Studien mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie belegen, dass der Frontallappen bei Betroffenen während Aufmerksamkeitsaufgaben deutlich weniger aktiv ist als bei Nicht-Betroffenen.¹ Die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, die für die Regulation dieses Bereichs zentral sind, stehen bei ADHS in veränderter Konzentration und Übertragungsaktivität zur Verfügung – weshalb der präfrontale Kortex seine Filterfunktion nur unzuverlässig ausüben kann.²
Das Ergebnis wird als Reizfilterschwäche bezeichnet: Das Gehirn bewertet alle eingehenden Reize als gleich wichtig. Das Klirren des Bestecks, die Musik, das Gespräch am Nachbartisch – und die Stimme der Person, mit der man eigentlich spricht – alles landet mit derselben Lautstärke im Bewusstsein. Untersuchungen zeigen, dass bei mindestens 60 % der Menschen mit ADHS gleichzeitig Symptome einer sensorischen Verarbeitungsstörung (Sensory Processing Disorder, SPD) vorliegen – wobei Fachleute davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegt, da viele Betroffene ihre eigene Wahrnehmung gar nicht als auffällig einordnen.³
Hinzu kommt eine neurobiologische Stressreaktion: Erhöhte Reizbelastung aktiviert die Amygdala – jenen Gehirnbereich, der Bedrohungen bewertet und Stressreaktionen auslöst. Bei ADHS ist die
hemmende Verbindung zwischen dem präfrontalen Kortex und der Amygdala geschwächt, was dazu führt, dass sensorischer Stress schneller und intensiver erlebt wird.⁴ Das Gehirn bewertet das Rauschen
unbewusst als Gefahr. Nicht weil man dramatisch ist. Sondern weil es so verdrahtet ist.
Stell dir vor, jemand dreht in deinem Kopf alle Lautstärkeregler gleichzeitig auf Maximum – und du kannst keinen einzigen davon anfassen.
Es ist kein Moment des Desinteresses. Es ist ein Moment des Ertrinkens.
Die Person mit ADHS hört buchstäblich alles. Gleichzeitig. Sie kämpft in Echtzeit darum, die Stimme ihres Gegenübers aus dem Lärm herauszufiltern – und dieser Kampf kostet immense Energie. Dazu
kommt die Sorge, dass das Gegenüber nicht versteht, was gerade passiert. Die Angst, schon wieder als unaufmerksam, desinteressiert oder unhöflich zu gelten. Die Scham.
Das führt zu einem Teufelskreis: Je mehr Stress entsteht – durch den Lärm, durch die soziale Situation, durch das Gefühl des Versagens – desto schlechter wird die Filterfunktion des Gehirns.
Stress verstärkt das Rauschen. Das Rauschen verstärkt den Stress.
Was von außen wie Wegdriften oder Desinteresse wirkt, ist in Wahrheit das Gegenteil: Es ist ein Nervensystem im Ausnahmezustand, das gerade alles versucht, um present zu bleiben.
Diese Blogserie begleitet Betroffene und Angehörige rund um das Leben mit ADHS
– ehrlich, wissenschaftlich fundiert und nah an der gelebten Realität.
Wenn Ihre ADHS Diagnose noch nicht gestellt ist, oder sie das tägliche Leben immer wieder überfordert, unterstütze ich Sie gerne. Sie können einen telefonischen Kennenlerntermin buchen oder mir eine Nachricht senden.
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