Reizüberflutung durch ADHS

Das Rauschen im Kopf - Was passiert, wenn ein Restaurantbesuch in der Reizüberflutung endet.

Es sollte ein schöner Abend werden. Ein gemütliches Abendessen zu zweit, ein Glas Wein, endlich Zeit für ein gutes Gespräch.
Doch kaum habt ihr euch hingesetzt, beginnt es. 
Das Klirren von Besteck am Nebentisch. Das Lachen einer Gruppe drei Tische weiter. Die Musik aus den Lautsprechern, die eigentlich leise ist – aber irgendwie überall. Der Kellner, der eine Bestellung aufnimmt. Ein Kind, das ruft. Und mitten in all dem: dein Gegenüber, das etwas sagt. Du siehst seine Lippen bewegen. Du weißt, dass du zuhören willst. Aber du kannst es gerade schlicht nicht hören – weil dein ADHS-Gehirn aufgehört hat zu filtern.

ADHS - Das Gehirn ohne Lautstärkeregler

Menschen ohne ADHS besitzen eine Art automatischen Aufmerksamkeitsfilter. Das Gehirn entscheidet – größtenteils unbewusst – welche Reize wichtig sind und welche ignoriert werden können. Hintergrundlärm wird als irrelevant eingestuft und ausgeblendet. Was bleibt, ist die Stimme des Gesprächspartners.


Bei Menschen mit ADHS funktioniert dieser Filter anders.

Der präfrontale Kortex – jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und die Unterdrückung irrelevanter Reize zuständig ist – zeigt bei ADHS strukturelle und funktionelle Besonderheiten. Bildgebende Studien mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie belegen, dass der Frontallappen bei Betroffenen während Aufmerksamkeitsaufgaben deutlich weniger aktiv ist als bei Nicht-Betroffenen.¹ Die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, die für die Regulation dieses Bereichs zentral sind, stehen bei ADHS in veränderter Konzentration und Übertragungsaktivität zur Verfügung – weshalb der präfrontale Kortex seine Filterfunktion nur unzuverlässig ausüben kann.²

 

Das Ergebnis wird als Reizfilterschwäche bezeichnet: Das Gehirn bewertet alle eingehenden Reize als gleich wichtig. Das Klirren des Bestecks, die Musik, das Gespräch am Nachbartisch – und die Stimme der Person, mit der man eigentlich spricht – alles landet mit derselben Lautstärke im Bewusstsein. Untersuchungen zeigen, dass bei mindestens 60 % der Menschen mit ADHS gleichzeitig Symptome einer sensorischen Verarbeitungsstörung (Sensory Processing Disorder, SPD) vorliegen – wobei Fachleute davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegt, da viele Betroffene ihre eigene Wahrnehmung gar nicht als auffällig einordnen.³


Hinzu kommt eine neurobiologische Stressreaktion: Erhöhte Reizbelastung aktiviert die Amygdala – jenen Gehirnbereich, der Bedrohungen bewertet und Stressreaktionen auslöst. Bei ADHS ist die hemmende Verbindung zwischen dem präfrontalen Kortex und der Amygdala geschwächt, was dazu führt, dass sensorischer Stress schneller und intensiver erlebt wird.⁴ Das Gehirn bewertet das Rauschen unbewusst als Gefahr. Nicht weil man dramatisch ist. Sondern weil es so verdrahtet ist.

Was die Person mit ADHS gerade erlebt

Stell dir vor, jemand dreht in deinem Kopf alle Lautstärkeregler gleichzeitig auf Maximum – und du kannst keinen einzigen davon anfassen.


Es ist kein Moment des Desinteresses. Es ist ein Moment des Ertrinkens.


Die Person mit ADHS hört buchstäblich alles. Gleichzeitig. Sie kämpft in Echtzeit darum, die Stimme ihres Gegenübers aus dem Lärm herauszufiltern – und dieser Kampf kostet immense Energie. Dazu kommt die Sorge, dass das Gegenüber nicht versteht, was gerade passiert. Die Angst, schon wieder als unaufmerksam, desinteressiert oder unhöflich zu gelten. Die Scham.


Das führt zu einem Teufelskreis: Je mehr Stress entsteht – durch den Lärm, durch die soziale Situation, durch das Gefühl des Versagens – desto schlechter wird die Filterfunktion des Gehirns. Stress verstärkt das Rauschen. Das Rauschen verstärkt den Stress.


Was von außen wie Wegdriften oder Desinteresse wirkt, ist in Wahrheit das Gegenteil: Es ist ein Nervensystem im Ausnahmezustand, das gerade alles versucht, um present zu bleiben.

Was der/die PartnerIn erlebt

Du hast gerade etwas Wichtiges erzählt. Etwas Persönliches vielleicht.  Aber du bemerkst, dass dein gegenüber abgelenkt erscheint und nervös. Du fragst dich: Hört er mir überhaupt zu? Ist ihr das, was ich sage, egal?
Diese Momente tun weh. Und das ist vollkommen verständlich.  Es ist ein grundlegendes, menschliches Bedürfnis, gehört zu werden, ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen .
Und genau hier liegt der entscheidende Unterschied: Nicht-hören-Können ist nicht dasselbe wie Nicht-hören-Wollen.
Das zu verstehen verändert nicht die Situation – aber es verändert, wie man ihr begegnet.
Das Restaurant-Rauschen ist eine Metapher für vieles, was im Leben mit ADHS passiert: Momente, in denen die Welt einfach zu laut ist – und in denen das Gegenüber das nicht sehen kann, weil es unsichtbar ist.
Verständnis beginnt nicht mit perfektem Wissen. Es beginnt mit dem Willen, zu fragen: Was passiert gerade in dir – und wie kann ich dich dabei nicht alleine lassen?
Das ist genug. 
Als Betroffene ist es wichtig, deinem Gegenüber zu erklären, was da passiert. Oder zeige ihm einfach diesen Text :-)
Es gibt immer die Möglichkeit, das Restaurant früher zu verlassen und stattdessen einen Spaziergang zu machen und das Gespräch vorzuführen. 

 

Quellenangaben
¹ Spiegelt sich ADHS bei Kindern auch im Gehirn wider? – dasGehirn.info, Leibniz-Institut für Neurobiologie. Basiert auf Befunden aus fMRT-Studien zur Frontallappen-Aktivierung bei ADHS.
Verfügbar unter: dasgehirn.info
² Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648
Sowie: Arnsten, A. F. T. (2006). The emerging neurobiology of ADHD: The key role of the prefrontal association cortex. Journal of Pediatrics, 154(5), I–S43.
³ Schulze, M. et al. (2022). Sensorische Verarbeitungsstörungen bei ADHS.
⁴ Viering, T. et al. (2021). Amygdala reactivity and ventromedial prefrontal cortex coupling in the processing of emotional face stimuli in attention-deficit/hyperactivity disorder. European Child & Adolescent Psychiatry. https://doi.org/10.1007/s00787-021-01809-3

 

Diese Blogserie begleitet Betroffene und Angehörige rund um das Leben mit ADHS

– ehrlich, wissenschaftlich fundiert und nah an der gelebten Realität.

 

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