Narzissmus: Ein Phänomen unserer Zeit?

erstellt 12. Juni 2024, author: Uscha Ennulat

 

In den letzten Jahren ist der Begriff "Narzissmus" immer häufiger zu hören. Egal ob in den sozialen Medien, in Gesprächen oder in den Nachrichten – oft wird jemand, der sich selbstbewusst und vielleicht auch egozentrisch verhält, als "Narzisst" bezeichnet. Dabei wird davon ausgegangen, dass lediglich 1% der Gesamtbevölkerung tatsächlich unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet - das entspricht in etwas dem Auftreten der Schizophrenie (zum Vergleich: ADHS bei Erwachsenen wird auf 2,5 - 4,5% geschätzt).

Allein diese Zahlen stimmen doch nachdenklich. Oder nicht?

 

Also, was steckt wirklich hinter diesem Begriff?

In diesem Artikel möchte ich den Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung näher beleuchten, ihre Symptome erklären und die Unterschiede zu einem (gesunden) Selbstbewusstsein aufzeigen.

 

Was ist Narzissmus?

Narzissmus ist eine komplexe Persönlichkeitsstruktur, die sich in einer übermäßigen Selbstbezogenheit und einem starken Bedürfnis nach Bewunderung äußert. Es ist wichtig zu verstehen, dass Narzissmus in verschiedenen Formen und Schweregraden auftreten kann, von gesunden Zügen bis hin zu einer ausgewachsenen Persönlichkeitsstörung. Auch gilt es, die unterschiedlichen Subtypen des Narzissmus zu unterscheiden, auf die ich in diesem Artikel nicht im Detail eingehen möchte.

 

Symptome der narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) ist eine ernsthafte psychische Erkrankung, die von Fachleuten diagnostiziert wird. Die Diagnose basiert auf spezifischen Kriterien, die im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) aufgeführt sind. Zu den Hauptsymptomen gehören:

  1. Grandioses Selbstbild: Betroffene haben oft ein übertriebenes Gefühl ihrer eigenen Wichtigkeit und erwarten, als überlegen betrachtet zu werden, ohne entsprechende Leistungen zu erbringen.
  2. Fantasien von grenzenlosem Erfolg: Sie träumen häufig von unendlichem Erfolg, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe.
  3. Bedürfnis nach Bewunderung: Narzissten benötigen ständig Aufmerksamkeit und Bestätigung von anderen.
  4. Gefühl der Besonderheit: Sie glauben, nur von ebenso besonderen oder hochrangigen Menschen verstanden werden zu können oder nur mit diesen verkehren zu sollen.
  5. Ausbeuterische Verhaltensweisen: Sie neigen dazu, andere auszunutzen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.
  6. Mangel an Empathie: Ein ausgeprägter Mangel an Einfühlungsvermögen gegenüber den Gefühlen und Bedürfnissen anderer.
  7. Neid: Sie sind oft neidisch auf andere oder glauben, andere seien neidisch auf sie.
  8. Arrogantes Verhalten: Häufig zeigen sie arrogante oder hochmütige Verhaltensweisen und Haltungen.

Narzissmus vs. Selbstbewusster Lebensstil

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein und Narzissmus zu verstehen. Ein selbstbewusster Mensch hat ein realistisches Verständnis seiner Fähigkeiten und Schwächen, strebt nach persönlichem Wachstum und pflegt gesunde Beziehungen. Solche Menschen können Anerkennung annehmen, ohne sich überlegen fühlen zu müssen, und sind in der Lage, Kritik zu akzeptieren und daraus zu lernen. Im Idealfall ist aber ein Selbstbewusster Mensch auch in der Lage, seine Bedürfnisse zu erkennen und im Sinne einer Bedürfniserfüllung für sich zu sorgen.

 

Im Gegensatz dazu basiert narzisstisches Verhalten auf einer verzerrten Selbstwahrnehmung und einem tiefen Bedürfnis nach Anerkennung und Bewunderung. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung Überschätzen ihre Fähigkeiten und prahlen mit ihren Erfolgen. Sie unterschätzen gleichzeitig den Wertund die Leistunge ihrer Mitmenschen.

Während selbstbewusste Menschen ihre Erfolge feiern und gleichzeitig ihre Fehler anerkennen können, sehen Narzissten Fehler als Bedrohung für ihr Selbstbild und gehen oft in die Defensive oder greifen andere an, um ihre eigene Unsicherheit zu verbergen.

 

Inflationäre Verwendung des Begriffs "Narzisst"

In der heutigen Zeit wird der Begriff "Narzisst" oft inflationär und leichtfertig verwendet, um jemanden zu beschreiben, der sich egozentrisch oder selbstbezogen verhält. Diese Verallgemeinerung kann problematisch sein, da sie das tatsächliche Leiden und die Komplexität der narzisstischen Persönlichkeitsstörung verharmlost. Nicht jeder, der selbstbewusst ist oder gelegentlich egoistisch handelt, ist ein Narzisst im klinischen Sinne.

Die inflationäre Verwendung des Begriffs trägt dazu bei, dass das Verständnis für die tatsächliche Störung verwässert wird.

Menschen, die wirklich unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, benötigen spezifische therapeutische Ansätze und Unterstützung. Indem wir den Begriff zu häufig und in falschen Kontexten verwenden, riskieren wir, das Leiden dieser Menschen zu minimieren und sie zu stigmatisieren.

 

Die Auswirkungen auf die Opfer

Ein oft übersehener Aspekt ist das Leid derjenigen, die in einer Beziehung mit einem echten Narzissten stehen. Diese Opfer erfahren häufig emotionalen Missbrauch, Manipulation und Ausbeutung. Narzissten können sehr charmant und überzeugend sein, was es ihren Partnern schwer macht, die toxische Natur der Beziehung zu erkennen und zu verlassen. Opfer von narzisstischem Missbrauch erleben oft schwerwiegende emotionale und psychologische Schäden, die langanhaltende Folgen haben können. Sie berichten von geringem Selbstwertgefühl, Angstzuständen und Depressionen, die durch den ständigen emotionalen Stress und die Manipulation verursacht werden.

 

Narzissmus in Beziehungen

Menschen, die mit Narzissten in engen Beziehungen stehen, müssen oft mit einem ständigen Wechselspiel aus Idealisierung und Abwertung umgehen. Narzissten neigen dazu, ihre Partner zunächst zu idealisieren, um sie dann herabzusetzen, sobald diese nicht mehr ihren unrealistischen Erwartungen entsprechen. Dieses Verhalten kann zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Verwirrung bei den Betroffenen führen. Zudem isolieren Narzissten ihre Partner häufig von Freunden und Familie, um ihre Kontrolle zu festigen und die Abhängigkeit zu verstärken.

Ein Beispiel für narzisstischen Missbrauch in Beziehungen ist das sogenannte "Gaslighting", bei dem der Narzisst seine Partnerin oder seinen Partner systematisch dazu bringt, an der eigenen Wahrnehmung und Realität zu zweifeln. Dies führt zu einem tiefen Misstrauen in die eigene Urteilsfähigkeit und kann den emotionalen Zustand des Opfers erheblich verschlechtern.

 

Ein bewusster Umgang mit dem Thema

Es ist von größter Bedeutung, einen bewussten und informierten Umgang mit dem Thema Narzissmus zu pflegen. Das Verständnis für die tatsächliche Störung und die Unterscheidung zwischen Narzissmus und gesundem Selbstbewusstsein helfen dabei, Missverständnisse zu vermeiden.

 

Indem wir den Begriff "Narzisst" nicht leichtfertig verwenden, tragen wir dazu bei, die Ernsthaftigkeit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung anzuerkennen und das Leiden der Betroffenen – sowohl der Narzissten als auch ihrer Opfer – nicht zu verharmlosen.

Indem wir nicht jeden, der uns mal verletzt hat, in den Topf werfen mit pathologischen Narzissten, beugen wir auch einer gefährlichen Stigmatisierung von Menschen vor. Denn Worte können immer auch Waffen sein - in beide Richtungen!